Geschreibsel. An einander gereihte Gedankenfetzen. Unaufgeräumt, unsortiert, unikat.
Oder sowas.
Catching Elephant is a theme by Andy Taylor
Hallo.
Mein Name ist Die Mutti und ich habe eine psychische Krankheit. Tja, so ist das. Menschen werden groß und dann werden sie krank. Ich bin keine von denen, die irgendwas auf eine schlechte Kindheit zurückführen könnten, denn ich hatte eine wundervolle und sehr schöne Kindheit. Eine, an die ich mich gerne erinnern kann.
Dann wurde ich groß und dann ging geriet irgendwie alles aus den Fugen in meinem Kopf. Wie als würde man ganz schnell mit dem Einkaufswagen durch den Supermarkt fahren und auf einmal fährst du volles Pfund ins Dosenregal.
Mein Dosenregal heißt F41.0 - Panikstörung.
Was passiert dabei? Man muss sich das ungefähr so vorstellen, am besten an einer Situation:
Man stelle sich vor, man sitzt ganz gemütlich in einem Café. Man sitzt da mit Freunden und auf einmal merkt man, dass einem ein bisschen übel wird. Und heiß. Die Hände werden feucht, man merkt das man schwitzt. Gleichzeitig ist einem aber auch kalt. Dann hört man plötzlich alles viel intensiver und das Umrühren des Löffels in der Kaffeetasse des Mannes am Nebentisch macht einen völlig wahnsinnig. Außerdem ist alles plötzlich ganz grell und wuselig. Alles passiert irgendwie schneller. Das Herz beginnt zu rasen und spätestens dann sitzt in dem Kopf so ein Kobold. Er sitzt da, irre lachend und verursacht unerträgliche Angst, dass man jetzt gleich stirbt.
Ich könnte niemals sagen “woran” genau ich dann sterben würde. Aber ich weiß, es ist todesangst. Jedes Mal. Jedes verkackte Mal sitzt der Kobold in meinem Gehirn und gaukelt mir vor, dass das jetzt gleich die letzten Sekunden meines Lebens sind.
Mein Körper reagiert, wie alle Spezies in dieser Situation. Er kommt noch mehr in Fahrt. Mein Herz rast und ich komme locker auf 190 Herzschläge die Minute, was weder gesund noch förderlich ist. Alles um mich herum wird so laut, bis ich fast garnichts mehr hören kann außer einem unerträglichen Rauschen. Zudem muss ich mich dann entweder übergeben oder mich anderweitig von meinem im Körper befindliches Resten entledigen. Möglichst schnell.
Deswegen ist der Kobold clever und steuert schon mein Verhalten beim Einsteigen in Züge, fremden Gebäuden oder Autofahrten immer so, dass immer ein Klo in der Nähe oder erreichbar sein muss. Wenn das nicht geht, dann geh ich auch nicht. Nicht in den Zug, nicht in fremde Gebäude, oder mit in den Zeltulraub. Ne ganze Zeitlang ging ich deswegen nirgendwo hin.
Dann sagt der Penner deinem Gehirn, dass es zu Hause doch am schönsten ist. Er ist in deinem Kopf und sagt es deinem Gehirn so lange, bis du nur noch raus gehst wenn es absolut sein muss. Dann wird einkaufen zum Überlebenskampf.
Und weil er ein ziemlicher Angeber ist, sorgt er auch dafür, dass dein Körper sich verkrampft. Und dann zitterst du wie Espenlaub. Erst ein wenig, dann immer mehr. Unkontrollierbar. Du schaust auf deine Arme, Hände, Beine und siehst sie zappeln und zittern und kannst es nicht abstellen, weil der Kobold im Kopf anscheinend den Joystick an sich gerissen hat. Der Arsch.
Das ist dir natürlich peinlich. Andere Menschen sehen das und halten dich nicht selten für nen Alki auf Entzug oder glauben du hättest Exctasy genommen oder andere Drogen. Aber dafür hat man dann gar keinen Blick, denn man hat damit zu tun um sein Leben zu kämpfen.
Und das ist es. Ein Kampf. Jeden Tag wieder. Und wieder und wieder. Zurück ins Leben. Zurück in das Normale. Kinobesuche? Abends ins Restaurant? Partys bei Freunden? Spontan mit dem Zug wohin fahren? Ein Flugzeug besteigen? Lesungen besuchen? So lange war dies unmöglich. Eher hätte ich es zustande gebracht den Ring im Clownskostüm nach Mordor zu bringen, ohne erkannt zu werden.
Und dann ist da der Moment in dem du auch irgendwann mal, ganz vorsichtig, deinen Freunden zu erklären versucht, wieso so vieles nicht mehr geht. Zumindest, denen, denen du zutraust, dass sie sich nicht in die Kiste “verrückt”, “bekloppt” “einen an der Schüssel” stecken. Der Rest ist eh schon weg. Denn man kann einfach nicht alles ertragen. Die Attacken sind schon schwer genug, da braucht man dann niemanden mehr, der einem vorwirft, man sei so unlustig geworden und was das denn alles solle und überhaupt.
Wenn es dann irgendwann nachlässt das Krampfen, das Zittern, das Schwitzen, die Übelkeit und der Durchfall, wenn die Farben wieder normal hell werden, die Geräusche leiser und der Puls halbwegs normal - wenn der Kopfkobold endlich aufgehört hat auf der Psyche zu trampeln, dann ist man müde und erschöpft. Außerdem weint man. Viel.
Schließlich weiß man, dass das nicht für immer so gehen kann. Es ist anstregend jeden Tag zu sterben. Es ist anstrengend diese Todesangst auszuhalten und trotzdem normal leben zu wollen.
Meine Miete bezahlt sich nicht von allein. Somit muss ich 40 Stunden die Woche funktionieren. Ohne Medikamente wäre dies nicht möglich. Ohne sie sitze ich auf der Couch, schaue entspannt fernsehen und bespaße den Kater an einem Sonntag - bis auf einmal der Kobold seine tägliche Runde dreht.
Wie auch heute, jetzt und hier.
Ich hasse es. Aber er ist da. Der Kobold. Er wohnt in meinem Gehirn und drückt alle Knöpfe gleichzeitig. Und ich wünschte nur eins: er würde sich endlich ne eigene Wohnung suchen und nie wieder zurück kommen.