Geschreibsel. An einander gereihte Gedankenfetzen. Unaufgeräumt, unsortiert, unikat.
Oder sowas.
Catching Elephant is a theme by Andy Taylor
Hallo.
Mein Name ist Die Mutti und ich bin Pädagogin. Jedes Mal wenn ich diesen Satz sage, ziehen sich die Mundwinkel der Personen gegenüber leicht nach oben. Nicht besonders auffällig, für meinen aber Blick doch merklich genug.
“Du machst also was mit Kindern?”
“Nein.”
Nein, nein, und nochmals nein. Wenn ich jedesmal ein Katzenbaby dafür bekommen hätte, wenn mir jemand diese Frage stellt, wäre ich mittlerweile die verrückte Katzenfrau bei den Simpsons.
“Und was macht man dann da so? Überhaupt?”
Ja, was machen Pädagogen eigentlich? Zunächst einmal studieren sie, denn sonst wären Pädagogen, wahrscheinlich das womit man sie ständig verwechselt: Erzieher.
Darüber hinaus sind die Einsatzgebiete weiter gefächert als bei manch anderen Berufen. Pädagogen können im Bildungssektor arbeiten, müssen sie aber nicht. Sie sind überall dort tätig wo Menschen zusammenkommen. In Beratungsstellen, in Firmenvorständen, als Mediator oder bei der Jugendgerichtshilfe, in Krankenhäusern und Psychiatrien, in Berufsförderungwerken, an den Universitäten, in Werkstätten für Menschen mit geistiger, körperlicher oder geistiger&körperlicher Behinderung, in der Lehre, in der Forschung, in der Justiz und so weiter und so weiter.
Sicherlich gibt es dieses Bild der Über40 jährigen grauhaarigen Frauen, die Birkenstock besohlt verständnisvoll nicken, wenn man ihnen seine Probleme erzählt. Oder die etwas verschrobenen Männer mit Wollpulli, 3-Tage-Bart und einer runden Brille aus Drahtgestell. Unweigerlich wurde dieses Menschenbild zur Verkörperung eines Berufes, der viel mehr aushalten muss, als die heutige Gesellschaft wahrhaben will. So vielfältig wie die Arbeitsorte sind somit auch die Aufgaben, die Pädagogen zu bewältigen haben. Häufig sind sie mehr Verwaltungskraft und telefonieren und beantragen & telefonieren und beantragen und so weiter und so fort. Was dabei unter den Tisch fällt ist, dass Pädagogen auch Seelsorger sind. Ob es ihre Funktion gerade zulässt oder nicht. Wenn andere Menschen “was mit Medien” machen, machen Pädagogen “was mit Menschen”.
Diese Arbeit ist anstregend. Es ist nicht das Zuhören selbst was dabei so anstrengt, sondern das Aushalten der Dinge, die an einen herangetragen werden. Es ist genau das Aushalten der Schicksale, die hinter meiner Tür warten, bis ich sie zu meinem Termin herein rufe. Es sind die Berichte über das, was diesen Menschen widerfahren ist, was den Beruf härter macht, als jemals jemand vermuten könnte, der nie damit in Kontakt gekommen ist.
Erst neulich rief mich die Mutter eines Teilnehmers an und berichtete, ihr Sohn könne keine Termine mehr wahrnehmen, weil er versucht habe sich das Leben zu nehmen und nun in die geschlossene Abteilung der städtischen Psychiatrie eingewiesen wurde. Eine Woche vorher hatte eben dieser junge Mann bei mir im Büro gesessen und mir freudestrahlend seine Zukunftspläne aufgezeigt.
Kurz darauf bricht eine andere Teilnehmerin während ihres Termin in Tränen aus, weil sie nicht weiß, wie sie sich diesen Monat ernähren soll, weil ihr Kindergeld aufgrund von Behördenstau fehlt.
Einen Tag später fällt mir eine andere Teilnehmerin weinend in die Arme, weil sie erfahren hat, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind. Als kleines Kind wurde sie von der leiblichen Mutter bei einer Freundin zum Aufpassen abgegeben. Ihre Mutter kehrte nie zurück, sondern verließ die Stadt um ein neues Leben zu beginnen.
Mein Klientel besteht aus Menschen, die mal mehr und mal weniger von Armut bedroht sind, obwohl der Sozialstaat sie bereits auffängt. Geldnot und Schulden, ebenso wie Vernachlässigung und soziale Kälte innerhalb der Familie. Missbrauch und Gewalt bilden dabei keine Ausnahme. Nicht selten sind wir die einzigen Personen, die diese Menschen haben, bei denen sie keine Abwertung befürchten müssen.
Ich sage nicht, dass andere Menschen in ihrem Beruf nicht ebenso hart arbeiten. Ich bewundere jeden, der nach einem 18 Stunden Tag nach Hause kommt und damit seine Familie ernährt. Noch mehr bewundere ich aber die Menschen im Sozialsektor, die für einen lächerlichen Lohn im Vergleich zu der psychischen Belastung ihres Berufes arbeiten. All die Krankenschwestern, Altenpfleger- und Pflegehelfer, Sonderpädagogen ebenso wie Betreuer, Hospizbedienstete, Fallmanager und Heimangestellte.
Wer als Ingenieur arbeitet, hat ein anspruchsvolles Studium hinter sich gebracht und arbeitet viel und hart. Dafür wird er/sie aber auch gut entlohnt.
Wer als Pädagoge arbeitet, hat möglicherweise ein (im Vergleich) weniger anspruchsvolles Studium absolviert, arbeitet aber ebenso hart (Schichtdienst, Nachtbereitsschaft, etc.) und erträgt dazu noch eine psychologisch belastende Komponente wie einen Schatten, der mit einem im Auto sitzt, wenn man nach Hause fährt. Dieser bleibt leider nie im Büro zurück, wie ein Auftrag, der noch am Folgetag rausgehen kann. Er ist immer da, solange der Kopf an ist. Dafür, dies auszuhalten, werden diese Menschen jedoch nicht entlohnt, sondern verdienen zum Teil gerade einmal so viel wie eine Vollzeit-Thekenkraft.
Wirtschaftsförderung größer Menschenförderung. So ist die Rechnung. Eine, bei der die Gesellschaft wegschaut, weil die Menschen auf die es dort ankommt eh schon in der dunkelsten Ecke stehen und man sich anscheinend lieber im Licht bewegt. Sie werden im besten Fall ignoriert, sonst verteufelt, beschimpft, bezichtigt sie seien der Ruin unserer Zukunft.
Bei dieser Rechnung wird mir schlecht. So schlecht, dass ich mich übergeben möchte. Und dabei habe ich nicht einmal einen Wollpulli, mit dem ich das alles dann aufwischen könnte.
Doch dies den Menschen näher zu bringen ist schwer. Weil sie nach dem Wort “Hilfebedürftig” nicht mehr zuhören oder zuhören wollen.
Wenn mich in Zukunft jemand fragt, ob ich als Pädagogin was mit Kindern mache, werde ich antworten: “Ja, was mit Kindern. Und deren Zukunft, wenn Du versagt hast.”
Dann ist wenigstens Ruhe am Tisch und ich kann den Kopf kurz ausschalten.