Geschreibsel. An einander gereihte Gedankenfetzen. Unaufgeräumt, unsortiert, unikat.

Oder sowas.

 

Kopfkobold - oder “Hör auf auf meiner Psyche zu trampeln. Du Arsch.”

Hallo. 

Mein Name ist Die Mutti und ich habe eine psychische Krankheit. Tja, so ist das. Menschen werden groß und dann werden sie krank. Ich bin keine von denen, die irgendwas auf eine schlechte Kindheit zurückführen könnten, denn ich hatte eine wundervolle und sehr schöne Kindheit. Eine, an die ich mich gerne erinnern kann.

Dann wurde ich groß und dann ging geriet irgendwie alles aus den Fugen in meinem Kopf. Wie als würde man ganz schnell mit dem Einkaufswagen durch den Supermarkt fahren und auf einmal fährst du volles Pfund ins Dosenregal.

Mein Dosenregal heißt F41.0 - Panikstörung.

Was passiert dabei? Man muss sich das ungefähr so vorstellen, am besten an einer Situation:

Man stelle sich vor, man sitzt ganz gemütlich in einem Café. Man sitzt da mit Freunden und auf einmal merkt man, dass einem ein bisschen übel wird. Und heiß. Die Hände werden feucht, man merkt das man schwitzt. Gleichzeitig ist einem aber auch kalt. Dann hört man plötzlich alles viel intensiver und das Umrühren des Löffels in der Kaffeetasse des Mannes am Nebentisch macht einen völlig wahnsinnig. Außerdem ist alles plötzlich ganz grell und wuselig. Alles passiert irgendwie schneller. Das Herz beginnt zu rasen und spätestens dann sitzt in dem Kopf so ein Kobold. Er sitzt da, irre lachend und verursacht unerträgliche Angst, dass man jetzt gleich stirbt.

Ich könnte niemals sagen “woran” genau ich dann sterben würde. Aber ich weiß, es ist todesangst. Jedes Mal. Jedes verkackte Mal sitzt der Kobold in meinem Gehirn und gaukelt mir vor, dass das jetzt gleich die letzten Sekunden meines Lebens sind. 

Mein Körper reagiert, wie alle Spezies in dieser Situation. Er kommt noch mehr in Fahrt. Mein Herz rast und ich komme locker auf 190 Herzschläge die Minute, was weder gesund noch förderlich ist. Alles um mich herum wird so laut, bis ich fast garnichts mehr hören kann außer einem unerträglichen Rauschen. Zudem muss ich mich dann entweder übergeben oder mich anderweitig von meinem im Körper befindliches Resten entledigen. Möglichst schnell. 

Deswegen ist der Kobold clever und steuert schon mein Verhalten beim Einsteigen in Züge, fremden Gebäuden oder Autofahrten immer so, dass immer ein Klo in der Nähe oder erreichbar sein muss. Wenn das nicht geht, dann geh ich auch nicht. Nicht in den Zug, nicht in fremde Gebäude, oder mit in den Zeltulraub. Ne ganze Zeitlang ging ich deswegen nirgendwo hin. 

Dann sagt der Penner deinem Gehirn, dass es zu Hause doch am schönsten ist. Er ist in deinem Kopf und sagt es deinem Gehirn so lange, bis du nur noch raus gehst wenn es absolut sein muss. Dann wird einkaufen zum Überlebenskampf.

Und weil er ein ziemlicher Angeber ist, sorgt er auch dafür, dass dein Körper sich verkrampft. Und dann zitterst du wie Espenlaub. Erst ein wenig, dann immer mehr. Unkontrollierbar. Du schaust auf deine Arme, Hände, Beine und siehst sie zappeln und zittern und kannst es nicht abstellen, weil der Kobold im Kopf anscheinend den Joystick an sich gerissen hat. Der Arsch. 

Das ist dir natürlich peinlich. Andere Menschen sehen das und halten dich nicht selten für nen Alki auf Entzug oder glauben du hättest Exctasy genommen oder andere Drogen. Aber dafür hat man dann gar keinen Blick, denn man hat damit zu tun um sein Leben zu kämpfen. 

Und das ist es. Ein Kampf. Jeden Tag wieder. Und wieder und wieder. Zurück ins Leben. Zurück in das Normale. Kinobesuche? Abends ins Restaurant? Partys bei Freunden? Spontan mit dem Zug wohin fahren? Ein Flugzeug besteigen? Lesungen besuchen? So lange war dies unmöglich. Eher hätte ich es zustande gebracht den Ring im Clownskostüm nach Mordor zu bringen, ohne erkannt zu werden.

Und dann ist da der Moment in dem du auch irgendwann mal, ganz vorsichtig, deinen Freunden zu erklären versucht, wieso so vieles nicht mehr geht. Zumindest, denen, denen du zutraust, dass sie sich nicht in die Kiste “verrückt”, “bekloppt” “einen an der Schüssel” stecken. Der Rest ist eh schon weg. Denn man kann einfach nicht alles ertragen. Die Attacken sind schon schwer genug, da braucht man dann niemanden mehr, der einem vorwirft, man sei so unlustig geworden und was das denn alles solle und überhaupt.

Wenn es dann irgendwann nachlässt das Krampfen, das Zittern, das Schwitzen, die Übelkeit und der Durchfall, wenn die Farben wieder normal hell werden, die Geräusche leiser und der Puls halbwegs normal - wenn der Kopfkobold endlich aufgehört hat auf der Psyche zu trampeln, dann ist man müde und erschöpft. Außerdem weint man. Viel. 

Schließlich weiß man, dass das nicht für immer so gehen kann. Es ist anstregend jeden Tag zu sterben. Es ist anstrengend diese Todesangst auszuhalten und trotzdem normal leben zu wollen.

Meine Miete bezahlt sich nicht von allein. Somit muss ich 40 Stunden die Woche funktionieren. Ohne Medikamente wäre dies nicht möglich. Ohne sie sitze ich auf der Couch, schaue entspannt fernsehen und bespaße den Kater an einem Sonntag - bis auf einmal der Kobold seine tägliche Runde dreht.

Wie auch heute, jetzt und hier. 

Ich hasse es. Aber er ist da. Der Kobold. Er wohnt in meinem Gehirn und drückt alle Knöpfe gleichzeitig. Und ich wünschte nur eins: er würde sich endlich ne eigene Wohnung suchen und nie wieder zurück kommen.

Birkenstock, Wollpulli und was mit Menschen - wieso Pädagogen stärker sein müssen als ihr Ruf

Hallo.

Mein Name ist Die Mutti und ich bin Pädagogin. Jedes Mal wenn ich diesen Satz sage, ziehen sich die Mundwinkel der Personen gegenüber leicht nach oben. Nicht besonders auffällig, für meinen aber Blick doch merklich genug.

“Du machst also was mit Kindern?”

“Nein.”

Nein, nein, und nochmals nein. Wenn ich jedesmal ein Katzenbaby dafür bekommen hätte, wenn mir jemand diese Frage stellt, wäre ich mittlerweile die verrückte Katzenfrau bei den Simpsons. 

“Und was macht man dann da so? Überhaupt?”

Ja, was machen Pädagogen eigentlich? Zunächst einmal studieren sie, denn sonst wären Pädagogen, wahrscheinlich das womit man sie ständig verwechselt: Erzieher. 

Darüber hinaus sind die Einsatzgebiete weiter gefächert als bei manch anderen Berufen. Pädagogen können im Bildungssektor arbeiten, müssen sie aber nicht. Sie sind überall dort tätig wo Menschen zusammenkommen. In Beratungsstellen, in Firmenvorständen, als Mediator oder bei der Jugendgerichtshilfe, in Krankenhäusern und Psychiatrien, in Berufsförderungwerken, an den Universitäten, in Werkstätten für Menschen mit geistiger, körperlicher oder geistiger&körperlicher Behinderung, in der Lehre, in der Forschung, in der Justiz und so weiter und so weiter. 

Sicherlich gibt es dieses Bild der Über40 jährigen grauhaarigen Frauen, die Birkenstock besohlt verständnisvoll nicken, wenn man ihnen seine Probleme erzählt. Oder die etwas verschrobenen Männer mit Wollpulli, 3-Tage-Bart und einer runden Brille aus Drahtgestell. Unweigerlich wurde dieses Menschenbild zur Verkörperung eines Berufes, der viel mehr aushalten muss, als die heutige Gesellschaft wahrhaben will. So vielfältig wie die Arbeitsorte sind somit auch die Aufgaben, die Pädagogen zu bewältigen haben. Häufig sind sie mehr Verwaltungskraft und telefonieren und beantragen & telefonieren und beantragen und so weiter und so fort. Was dabei unter den Tisch fällt ist, dass Pädagogen auch Seelsorger sind. Ob es ihre Funktion gerade zulässt oder nicht. Wenn andere Menschen “was mit Medien” machen, machen Pädagogen “was mit Menschen”. 

Diese Arbeit ist anstregend. Es ist nicht das Zuhören selbst was dabei so anstrengt, sondern das Aushalten der Dinge, die an einen herangetragen werden. Es ist genau das Aushalten der Schicksale, die hinter meiner Tür warten, bis ich sie zu meinem Termin herein rufe. Es sind die Berichte über das, was diesen Menschen widerfahren ist, was den Beruf härter macht, als jemals jemand vermuten könnte, der nie damit in Kontakt gekommen ist.

Erst neulich rief mich die Mutter eines Teilnehmers an und berichtete, ihr Sohn könne keine Termine mehr wahrnehmen, weil er versucht habe sich das Leben zu nehmen und nun in die geschlossene Abteilung der städtischen Psychiatrie eingewiesen wurde. Eine Woche vorher hatte eben dieser junge Mann bei mir im Büro gesessen und mir freudestrahlend seine Zukunftspläne aufgezeigt.

Kurz darauf bricht eine andere Teilnehmerin während ihres Termin in Tränen aus, weil sie nicht weiß, wie sie sich diesen Monat ernähren soll, weil ihr Kindergeld aufgrund von Behördenstau fehlt.

Einen Tag später fällt mir eine andere Teilnehmerin weinend in die Arme, weil sie erfahren hat, dass ihre Eltern nicht ihre leiblichen Eltern sind. Als kleines Kind wurde sie von der leiblichen Mutter bei einer Freundin zum Aufpassen abgegeben. Ihre Mutter kehrte nie zurück, sondern verließ die Stadt um ein neues Leben zu beginnen.

Mein Klientel besteht aus Menschen, die mal mehr und mal weniger von Armut bedroht sind, obwohl der Sozialstaat sie bereits auffängt. Geldnot und Schulden, ebenso wie Vernachlässigung und soziale Kälte innerhalb der Familie. Missbrauch und Gewalt bilden dabei keine Ausnahme. Nicht selten sind wir die einzigen Personen, die diese Menschen haben, bei denen sie keine Abwertung befürchten müssen. 

Ich sage nicht, dass andere Menschen in ihrem Beruf nicht ebenso hart arbeiten. Ich bewundere jeden, der nach einem 18 Stunden Tag nach Hause kommt und damit seine Familie ernährt. Noch mehr bewundere ich aber die Menschen im Sozialsektor, die für einen lächerlichen Lohn im Vergleich zu der psychischen Belastung ihres Berufes arbeiten. All die Krankenschwestern, Altenpfleger- und Pflegehelfer, Sonderpädagogen ebenso wie Betreuer, Hospizbedienstete, Fallmanager und Heimangestellte.

Wer als Ingenieur arbeitet, hat ein anspruchsvolles Studium hinter sich gebracht und arbeitet viel und hart. Dafür wird er/sie aber auch gut entlohnt.

Wer als Pädagoge arbeitet, hat möglicherweise ein (im Vergleich) weniger anspruchsvolles Studium absolviert, arbeitet aber ebenso hart (Schichtdienst, Nachtbereitsschaft, etc.)  und erträgt dazu noch eine psychologisch belastende Komponente wie einen Schatten, der mit einem im Auto sitzt, wenn man nach Hause fährt. Dieser bleibt leider nie im Büro zurück, wie ein Auftrag, der noch am Folgetag rausgehen kann. Er ist immer da, solange der Kopf an ist. Dafür, dies auszuhalten, werden diese Menschen jedoch nicht entlohnt, sondern verdienen zum Teil gerade einmal so viel wie eine Vollzeit-Thekenkraft. 

Wirtschaftsförderung größer Menschenförderung. So ist die Rechnung. Eine, bei der die Gesellschaft wegschaut, weil die Menschen auf die es dort ankommt eh schon in der dunkelsten Ecke stehen und man sich anscheinend lieber im Licht bewegt. Sie werden im besten Fall ignoriert, sonst verteufelt, beschimpft, bezichtigt sie seien der Ruin unserer Zukunft.

Bei dieser Rechnung wird mir schlecht. So schlecht, dass ich mich übergeben möchte. Und dabei habe ich nicht einmal einen Wollpulli, mit dem ich das alles dann aufwischen könnte.

Doch dies den Menschen näher zu bringen ist schwer. Weil sie nach dem Wort “Hilfebedürftig” nicht mehr zuhören oder zuhören wollen. 

Wenn mich in Zukunft jemand fragt, ob ich als Pädagogin was mit Kindern mache, werde ich antworten: “Ja, was mit Kindern. Und deren Zukunft, wenn Du versagt hast.”

Dann ist wenigstens Ruhe am Tisch und ich kann den Kopf kurz ausschalten. 

Wulff. Ein Mann. Ein Haus. Und andere mit noch mehr Leichen im Keller.

Liebe Leser,

nachdem in diesen Tagen ja kaum ein anderes Thema so viel diskutiert und verwortspielt wird wie die Privatkredits-Affäre des Bundespräsidenten (“Wer mit dem Wulff tanzt”, “Der Wulff im Schafspelz” etc.) kam ich nicht umhin einmal nachzuhorchen, wer denn da so “Buhuuuu” und “Mimimiii” ruft, und vor allen Dingen, wer ganz mucksmäuschenstill ist. Die Gründe dafür könnten bei folgenden Personen in der individuellen Geschichte eigener Verfehlungen liegen: 

‎1991: Ministerpräsident Lothar Späth (CDU) hatte auf Kosten von Standard Elektrik Lorenz Urlaub in der Ägäis gemacht. Zudem soll er das Firmenflugzeug gestellt bekommen haben. Späth musste daraufhin zurücktreten.

1993: Wirtschaftsminister und Vizekanzler Jürgen Möllemann (FDP) empfahl in der sogenannten “Briefbogen-Affäre” unter dem Briefkopf des Wirtschaftsministeriums deutschen Handelsketten einen Einkaufswagenchip eines Vetters. Folge: Rücktritt.

2002: Cem Özdemir (Die Grünen) stolperte über ein Darlehen des PR-Beraters Moritz Hunzinger. Dazu kam eine Flug-Affäre, in der er dienstlich gesammelte Bonusmeilen privat genutzt hatte. Er legte sein Amt als innenpolitischer Sprecher nieder.

2002: Gregor Gysi (PDS/Die Linke) ist ebenfalls mit einer “Flugmeilen-Affäre” belastet. Gysi hatte Bonus-Meilen, die er sich als Bundestagsabgeordneter erworben hatte, privat genutzt. Er trat von seinem Amt als Berliner Wirtschaftssenator ab.

2004: CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer und die “RWE-Gehalts-Affäre”. Zeitweilig bezog er drei Gehälter, unter anderem von RWE, dort soll er auch Strom zum Mitarbeitertarif erhalten haben. Sein Rücktritt war die Folge.

2008: Annette Schavan (CDU) war mit dem Hubschrauber von Stuttgart nach Zürich geflogen. Der Flug kostete die Steuerzahler rund 26.000 Euro. Ein Linienflug hätte knapp 330 Euro gekostet. Im März 2011 flog sie mit der Flugbereitschaft der Bundeswehr auf Staatskosten von knapp 150.000 Euro zum Papst nach Rom. Erstaunlich: Kein Rücktritt, sondern eher die Kaugummi-Taktik. Worte kauen und wieder kauen, kauen und dann am eigenen Karriere-Stuhl kleben bleiben.

2009: Ulla Schmidt (SPD) wird ihr Dienstwagen gestohlen. Pikant daran: dieser befindet sich zu diesem Zeitpunkt nicht in Berlin, sondern in Alicante, wo die Ministerin Urlaub macht. Frau Schmidt weigerte sich vehement gegen einen Rücktritt.

2012: Es wird öffentlich dass Bundespräsident Christian Wulff (CDU) sich 500.000 Euro von Frau Edith Geerkens, Frau des Ex-Unternehmers Egon Geerkens als Privatkredigt geliehen hat. Er bekommt besondere Konditionen angeboten. Davon kauft sich die Familie Wulff ein unschönes Backsteinhaus in Hannover. Die Zinsen bezahlt Christian Wulff direkt an Frau Geerkens innerhalb des ersten Jahres zurück. Die Rückzahlungen der Darlehenssumme erfolgen durch die abgeschlossene Anschlussfinanzierung der BW-Bank.

Er hat weder unrechtmäßig seinen Dienstwagen um die halbe Welt geflogen oder seiner Schwippschwägerin an seinen Flugmeilen Teil haben lassen. Noch hat Herr Wulff in seinem Amt als Bundespräsident sich je etwas zu schulden kommen lassen, außer mit peinlichen Autritten und Anrufen dafür zu Sorgen, dass die ganze Sache nun zur “never ending story” wird. Schließlich gilt zu beachten, dass der ganze Vorfall noch zu Ministerzeiten stattfand. Und diese, so zeigt die obige Aufzählung scheint ein Wettsuhlen im Trog der Vetternwirtschaft zu sein. 

Interessant also, dass zwar alle eine Meinung zu Wulff haben, aber aufgrund der eigenen Leichen im Keller nur kleine Giftpfeile spucken. Von Frau Nahles abgesehen. Aber die hat eh gerade Milcheinschuss. 

Deswegen: ist denn dann auch mal gut, ja? Wäre ja auch schön, wenn der Mann mit dem hässlichen Haus endlich wieder das tun könnte, was er eigentlich tun sollte. Bundespräsident sein. Und sonst nix.

Gruß, 

die Mutti

(Quellenverweis: Angaben über die Skandale der Minister aus der Online-Präsenz der http://www.badische-zeitung.de/)